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Vetch

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Anzahl der Beiträge : 494
Anmeldedatum : 26.01.14

080615
BeitragTod

Wir haben ein Nest im Gebälk überm Badezimmerbalkon, von so kleinen Piepsies. (Ich weiß nicht, welche Sorte Vogel.) Das Nest ist tief versteckt, wir könnens da piepsen hören, aber wir könnens nicht sehen und nicht drankommen.
Gestern morgen lag was auf dem Boden vom Balkon, ich dachte erst, eine große Blüte, und da wars ein ganz kleines Vögelchen, nackt, winzig, frisch geschlüpft und aus dem Nest gefallen oder geschubst, was weiß ich.
Das war schlimm.
Schlimmer war: als wirs hochnehmen wollten, ums, naja, im Müll zu bestatten, da hats noch gelebt.
Wir haben beim Tierärztlichen Notdienst angerufen und kamen uns dabei bisschen doof vor. Ständig fallen kleine Vögel aus Nestern und sterben. Das ist halt so.
Und dieses ist auf unseren Balkon gefallen, und wir waren damit überfordert.
Wir habens dann wieder hochgelegt, in der bescheuerten Hoffnung, dass es irnzwie wieder ins Nest kommt und vor allem von den Eltern gefüttert wird. Und dann ist es noch dreimal rausgefallen übern Tag, und schließlich hab ichs in eine Schüssel getan und versucht zu füttern, und über Nacht ist es gestorben.
Und jetzt denk ich, wir hätten es vielleicht päppeln können, aber wir hatten grad keine Mehlwürmer im Haus, es war Sonntag, und die Hafermilch mit Zwieback hats nicht genommen. Wahrscheinlich ist es am Stress gestorben, und wenn ich ihm eher ein bisschen Wasser gegeben hätte, da hab ich nicht dran gedacht, ich habe so gehofft, die Eltern füttern es, es kann auch sein, dass die Eltern es rausgeschmissen haben aus irnznem Grund, vielleicht war es krank.

Und es war nur ein winziges Zellbündel, noch blind, ohne Federn, ganz ganz klein, und jetzt sitze ich hier und schäme mich und heule.

Das ist schlimm, wenn zivilisierte Bürger mit sowas in Berührung kommen und zu helfen versuchen. Und dann nicht mal konsequent, es war viel zu kalt in der Nacht für das Kleine, es war aber vorher schon apathisch und ich habs draußen gelassen, weil ichs nicht mehr quälen wollte. Und weil ich nicht wusste, wie ich 35° herstellen soll, und wohin damit wegen der Katzen. Und natürlich, wenn ich wirklich gewollt hätte, hätte ich eine Lösung gefunden. Ich dachte, vielleicht kommen die Eltern doch noch und füttern es, und wenn nicht, dann kanns einschlafen und die Quälerei ist vorbei, und jetzt ist es gestorben und ich heule.
Und wenn ichs reingeholt hätte, als es noch vage lebte, dann wärs wahrscheinlich auch gestorben, und ich würde mir dann jetzt keine Vorwürfe machen.
Ich hab keine Ahnung, was wäre.

Achje, so ein kleines Wesen, und ich bin völlig überfordert, und jetzt heul ich hier rum. Und später kauf ich Hühnerhälse und -herzen für die Katzen.

Ich werds im Garten verbuddeln, wo unsere Katze Pompom liegt. Ich find mich so absurd, so sentimental - als ich das Kleine gestern morgen fand, da sprachen Schnusel und ich grad darüber, ob wir uns ne Dauenendecke schenken lassen, über EU-Normen und Federgewinnung.
Jetzt wollen wir keine Daunendecke mehr, nie wieder.

So ein winziges Wesen, es war eigentlich noch ein Embryo und es ist aus dem Nest gefallen, und das Gedöns vor seinem Sterben, das hätten wir uns alle ersparen können.

Ich geh jetzt auf den Balkon und lausche nach den andern Kleinen im Nest. Da ist ganz viel Leben.



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Tod :: Kommentare

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Re: Tod
Beitrag am Di Jun 09, 2015 9:47 am von Vetch
P.S. - einen Tag später -

Als ich das Kleine im Garten vergraben hab, habe ich gesehen, dass es unterm Bauch so nen seltsamen hellen Knubbel hatte. Ich glaub, es war wirklich krank und ist aus dem Nest geschubst worden. Es hat auch kein Geräusch gemacht, nicht gepiepst, als es noch lebte (anders als seine Geschwister im Nest).

Das ändert nichts daran, dass ich mich gestern ganz schrecklich gefühlt habe, weil ichs nicht reingeholt, sondern draußen auf dem Balkon gelassen habe. Da kann ich mir so schreckliche Dinge ausmalen, das winzige nackte Bündel, ganz allein in der Kälte - wenn ich das gestern hingeschrieben hätte, hätte ich sofort wieder zu weinen angefangen.
Ich hab eh den ganzen Tag über geweint, bis ich mir verboten habe, immer dran zu denken. Ich kann mich in emotionales Schwelgen reinsteigern, ich kanns lassen. Die Dinge sind wie sie sind.

Und ich hatte eine Entscheidung getroffen, ich habs mit Absicht draußen gelassen, und ich wusste, dass es stirbt.

Inzwischen gehts wieder. Und dem Vögelchen ist mein Weinen und mein schlechtes Gewissen egal. Außerdem, wenns eine Seele hat, dann soll die nicht von meiner Sentimentalität und meine Projektionen hier belästigt werden.
Es soll fliegen.

Das hatte ich auch geträumt, gestern morgen vorm Aufwachen: dass die Eltern es füttern und dass es fliegt.


 

Tod

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